Was Spielen für Katzen wirklich bedeutet

Februar 2026

Getigerte Kurzhaarkatze sitzt in einer modernen Wohnung am Abend ruhig vor einem bodentiefen Fenster. Warmes Licht im Raum, unscharfe Stadtlichter im Hintergrund. Die Katze blickt aufmerksam nach draußen – ein Moment zwischen Spannung und Ruhe.

„Spielen ist für Katzen kein Zeitvertreib. Es ist der Weg von Spannung zu Abschluss – und genau darin liegt ihre Erfüllung.“ — Katzengesellschaft

Warum die Frage nach „Beschäftigung“ oft in die falsche Richtung führt

In vielen Haushalten zeigt sich ein ähnliches Muster: Über weite Teile des Tages wirkt die Katze ruhig. Sie liegt, beobachtet, wechselt gelegentlich den Ort, reagiert selektiv auf Geräusche. Erst zu bestimmten Zeiten – häufig am Abend – steigt die Aktivität plötzlich an. Die Katze durchquert Räume, fixiert Bewegungen, fordert Interaktion oder zeigt spontane Sprints ohne erkennbaren Anlass.

Die naheliegende Interpretation ist eine energetische: Ruhe wird als Inaktivität verstanden, Aktivität als Ausdruck eines Bedürfnisses nach Bewegung. Daraus ergibt sich fast automatisch die Folgerung, man müsse Aktivität gezielt erzeugen, um ein Gleichgewicht herzustellen. Spiel wird damit funktional zu „Auslastung“.

Beobachtet man jedoch mehrere Katzen oder denselben Haushalt über längere Zeit, entstehen Widersprüche. Manche Tiere zeigen trotz regelmäßiger Spielangebote anhaltende Wachsamkeit. Andere reagieren nur kurz oder gar nicht, obwohl sie körperlich gesund sind. Und selbst in Mehrkatzenhaushalten, in denen sichtbar gerannt, gerauft und verfolgt wird, stellt sich nicht zwangsläufig Ruhe ein.

Diese Inkonsistenz weist darauf hin, dass Aktivität hier nicht primär eine Frage der Energiemenge ist. In der Verhaltensbiologie werden Verhaltensweisen nicht nach Bewegungsausmaß unterschieden, sondern nach ihrer Funktion innerhalb eines sogenannten Funktionskreises – eines in sich geschlossenen Ablaufes aus Auslösung, Durchführung und Beendigung. Viele Verhaltensweisen, die im Alltag als „Spiel“ bezeichnet werden, gehören bei Raubtieren zu solchen Funktionskreisen.

Bei der Katze führt diese Einordnung sehr direkt zum Jagdverhalten. Spiel ist in diesem Zusammenhang kein freies Ausprobieren von Bewegung, sondern die Aktivierung eines Systems, das ursprünglich auf ein klares Ende hin organisiert ist. Wird dieses Ende regelmäßig nicht erreicht, verändert sich nicht nur die sichtbare Aktivität, sondern der Zustand, in dem das Tier zwischen den Aktivitätsphasen verbleibt.

Damit verschiebt sich die Ausgangsfrage: Nicht wie viel Aktivität eine Katze zeigt, sondern ob ihre Aktivität zu einem Abschluss gelangen kann, bestimmt, wie ruhig oder angespannt sie anschließend wirkt.

Was die Katze beim Spielen tatsächlich „abarbeitet“

Die Beobachtung einer spielenden Katze zeigt ein auffälliges Muster: lange Phasen gespannter Bewegungslosigkeit wechseln mit abrupten Sprints, darauf folgen kurze Kontakte mit dem Objekt und anschließend erneute Suche. Dieses Wechselspiel wirkt aus menschlicher Perspektive wechselhaft, folgt aber einer klaren inneren Ordnung.

In der Ethologie wird dieses Muster als Jagdsequenz beschrieben. Sie besteht aus mehreren aufeinander bezogenen Abschnitten: Orientierung auf einen Reiz, Fixieren, Annäherung, Verfolgung, Zugriff und abschließende Auflösung der Situation. Entscheidend ist dabei nicht der Erfolg im Sinne eines Fangs, sondern die eindeutige Klärung des Zustands. Auch das Entkommen der Beute beendet die Sequenz.

Der Abschluss erfüllt eine regulatorische Funktion. Während der Sequenz steigt die Aktivierung des Organismus an: Aufmerksamkeit bündelt sich, Reaktionsschwellen sinken, Bewegungsbereitschaft erhöht sich. Erst wenn die Situation eindeutig entschieden ist – erreicht oder verloren –, kann diese Aktivierung wieder abgesenkt werden. Ruhe entsteht daher nicht aus Ermüdung, sondern aus geklärter Lage.

In freier Umgebung wird dieser Abschluss durch die Umwelt selbst erzeugt. Beute verschwindet, Spuren verlieren sich, Bewegungen enden hinter Hindernissen. Selbst erfolglose Jagden liefern eine eindeutige Information: Die Situation ist vorbei.

In Innenräumen verändern sich diese Bedingungen. Die auslösenden Reize bleiben erhalten – kleine, schnelle Bewegungen, Kontrastwechsel, Richtungsänderungen –, doch der Ablauf wird häufig unterbrochen. Das Objekt verschwindet plötzlich, wird entzogen oder bleibt prinzipiell unerreichbar. Besonders deutlich wird dies bei Lichtpunkten: Der stärkste Teil der Sequenz, die Verfolgung, wird wiederholt ausgelöst, ohne dass ein Zugriff möglich wäre.

Für das Nervensystem entsteht dadurch ein spezifischer Zustand: Die Aktivierung bleibt bestehen, weil die notwendige Information zur Beendigung fehlt. Die Katze befindet sich weder in Ruhe noch in vollständiger Aktivität, sondern in anhaltender Bereitschaft. Aus menschlicher Sicht erscheint dies als „Spielbedarf“, tatsächlich handelt es sich um eine fortgesetzte Suche nach einem Abschluss.

Dieser Unterschied erklärt auch individuelle Reaktionen. Katzen, die wiederholt keine Auflösung erleben, verkürzen häufig ihre Beteiligung oder brechen früher ab. Andere steigern ihre Aktivität, weil die Handlung innerlich offen bleibt. In beiden Fällen ist nicht die Freude am Spiel entscheidend, sondern die Erfahrung, ob Verhalten eine Situation jemals beendet.

Einzelkatze und Mehrkatzenhaushalt

Der Gedanke, zwei Katzen könnten sich gegenseitig ausreichend beschäftigen, basiert auf einer sichtbaren Beobachtung: Mehr Bewegung bedeutet scheinbar mehr Auslastung. Tatsächlich zeigen Mehrkatzenhaushalte häufig längere Aktivitätsphasen – Verfolgungen, gegenseitiges Auflauern und Raufen treten deutlich häufiger auf als bei einzeln gehaltenen Tieren.

Verhaltensbiologisch gehört ein Großteil dieser Interaktionen jedoch nicht zum Jagdverhalten, sondern zum Sozialverhalten. Sozialspiel dient der Abstimmung von Distanz, Reaktionsgeschwindigkeit und Kommunikation. Sein wesentliches Merkmal ist Wechselseitigkeit: Jede Handlung ruft eine Gegenhandlung hervor. Dadurch bleibt der Ablauf prinzipiell offen.

Jagdverhalten dagegen ist auf eine eindeutige Beendigung ausgerichtet. Die Sequenz endet erst, wenn der Zustand entschieden ist – unabhängig davon, ob die Beute erreicht wurde oder nicht.

In einem Mehrkatzenhaushalt können daher zwei Prozesse gleichzeitig stattfinden: hohe Aktivität bei gleichzeitig fehlender Auflösung. Die Tiere sind beschäftigt, aber nicht abgeschlossen beschäftigt. Bleibt Aktivierung dauerhaft ohne Ende, kann sie in die soziale Interaktion übergehen. Was als Spiel beginnt, wird dann einseitig, der verfolgte Partner reagiert ausweichend, und aus Aktivität entsteht Spannung.

Die zweite Katze ersetzt somit nicht den Abschluss der Jagdsequenz. Sie erweitert die soziale Umwelt, nicht jedoch den funktionalen Endpunkt des Verhaltens. Deshalb kann ein Haushalt mit viel sichtbarer Bewegung dennoch wenig Ruhe zeigen.

Warum Freigänger oft weniger mit Spielzeug interagieren

Katzen mit Freigang zeigen häufig geringes Interesse an künstlichen Spielreizen. Dieses Verhalten wird oft als mangelnde Spielfreude interpretiert, lässt sich jedoch auch als Folge veränderter Umweltstruktur verstehen.

Außerhalb der Wohnung erhält jede Handlung kontinuierliche Rückmeldung. Gerüche verändern sich mit Distanz, Geräusche entfernen sich räumlich, Bewegungen verschwinden hinter realen Hindernissen. Jede begonnene Sequenz erreicht daher einen eindeutigen Zustand. Selbst wenn keine Beute gemacht wird, liefert die Umwelt eine klare Information über das Ende der Situation.

Diese Rückmeldung reguliert den Aktivierungszustand zuverlässig. Die Katze muss Aktivität nicht künstlich erzeugen oder verlängern, da Handlungen regelmäßig abgeschlossen werden.

Hinzu kommt ein energetischer Aspekt. Katzen gehören zu den Lauerjägern: Ihr Stoffwechsel ist darauf ausgelegt, kurze Phasen hoher Aktivität mit langen Ruhephasen zu verbinden. Die Ruhe stellt dabei keinen Mangel dar, sondern ist integraler Bestandteil der Strategie. Häufige, kurze Aktivitätsspitzen ersetzen ausdauernde Bewegung.

In Innenräumen fehlt diese Kombination aus Rückmeldung und Energiestruktur. Reize können wiederholt ausgelöst werden, ohne dass ein Ende folgt, während gleichzeitig die natürliche Notwendigkeit langer Aktivitätsphasen nicht besteht. Spiel übernimmt dadurch eine Ersatzfunktion: Es wird nicht benötigt, um Energie zu verbrauchen, sondern um gelegentlich einen Abschluss zu erzeugen, der draußen automatisch stattfinden würde.

Freigänger wirken deshalb oft „weniger verspielt“, obwohl ihr Verhaltenssystem vollständiger reguliert wird. Ihre Umwelt beantwortet Handlungen fortlaufend, während die Wohnungskatze stärker darauf angewiesen ist, dass bestimmte Situationen innerhalb des Haushalts diese Rückmeldung übernehmen.

Wenn Katzen nicht spielen: Lernen statt „keine Lust“

Beobachten Halter über längere Zeit eine geringe Beteiligung am Spiel, wird dies häufig als Persönlichkeitsmerkmal eingeordnet: ruhig, bequem oder altersbedingt weniger aktiv. Tatsächlich lässt sich dieses Verhalten oft als Ergebnis eines Lernprozesses verstehen.

Verhalten entsteht nicht allein aus vorhandener Energie, sondern aus Erwartung. Jede Handlung eines Tieres enthält implizit eine Vorhersage: Eine bestimmte Bewegung führt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu einer Veränderung der Umwelt. Beim Jagdverhalten bedeutet dies, dass Annäherung Distanz verringert, Zugriff die Situation entscheidet und danach Aktivität nicht mehr notwendig ist.

Bleibt diese Vorhersage wiederholt ohne Bestätigung, verändert sich nicht die Fähigkeit zu handeln, sondern die Bereitschaft. Die Katze reagiert weiterhin auf Bewegungsreize, doch wenn der Ablauf regelmäßig ohne eindeutige Auflösung endet, verkürzt sie ihre Beteiligung schrittweise. Zunächst wird kürzer verfolgt, später reagiert, schließlich bleibt die Handlung ganz aus.

Wichtig ist: Dieser Prozess geschieht nicht aufgrund einzelner Erfahrungen, sondern aufgrund statistischer Regelmäßigkeit. Das Nervensystem bewertet nicht eine Situation als „frustrierend“, sondern passt die Wahrscheinlichkeit an, mit der ein Verhalten überhaupt gestartet wird. Verhalten wird dort eingespart, wo es erfahrungsgemäß keine Wirkung zeigt.

Für den Beobachter wirkt die Katze dann ruhig oder desinteressiert. Tatsächlich zeigt sie eine Anpassung an geringe Vorhersagbarkeit. Aktivität wird nicht mehr investiert, weil sie selten zu einem Ende führt.

Der umgekehrte Effekt lässt sich ebenso beobachten: Erhält Verhalten plötzlich wieder eine konsistente Konsequenz, kehrt Aktivität oft überraschend schnell zurück. Die Katze spielt nicht deshalb mehr, weil sie „motivierter“ wäre, sondern weil die Umwelt wieder zuverlässig beantwortet, was sie tut.

Offene und geschlossene Handlungen im Alltag

Viele alltägliche Beobachtungen lassen sich entlang dieses Prinzips einordnen.

Eine Katze sitzt am Fenster, fixiert Vögel und beginnt zu keckern. Die motorische Vorbereitung der Endhandlung läuft an, der Zugriff bleibt jedoch unmöglich. Nachdem der Vogel verschwunden ist, folgt häufig kein ruhiges Zurückziehen, sondern orientierendes Umhergehen oder erhöhte Wachsamkeit. Die Situation ist vorbei, der Handlungszustand jedoch nicht beendet.

Trifft dieselbe Katze auf ein Insekt in der Wohnung, zeigt sie meist längere Verfolgung, danach aber deutlich sichtbare Ruhe – Putzen oder Hinlegen. Der Unterschied liegt nicht in der Intensität der Bewegung, sondern in der Klarheit des Endes. Die Fliege wurde gefangen oder eindeutig verloren, der Ablauf ist abgeschlossen.

Ähnliches zeigt sich bei nicht greifbaren Reizen wie Lichtreflexen. Sie aktivieren die stärksten Abschnitte der Jagdsequenz, liefern jedoch strukturell keinen Abschluss. Nach ihrem Verschwinden bleibt häufig erhöhte Reaktionsbereitschaft zurück: plötzliches Rennen oder Reaktion auf minimale Bewegungen. Der Organismus sucht weiterhin nach der Information, dass die Handlung beendet ist.

Diese Beobachtungen verdeutlichen, dass Aktivität und Ruhe weniger durch die Dauer der Bewegung bestimmt werden als durch den Zustand, in dem eine Handlung endet. Geschlossene Handlungen führen zu einem Absenken der Aktivierung, offene Handlungen zu fortgesetzter Erwartung.

Wichtig dabei ist die Einordnung: Offene Handlungen sind nicht grundsätzlich schädlich. Auch in natürlicher Umgebung endet nicht jede Jagd erfolgreich. Problematisch wird der Zustand erst, wenn ein Großteil der Aktivierung ohne eindeutige Auflösung bleibt. Dann zeigt sich entweder anhaltende Wachsamkeit oder langfristig reduzierte Initiative.

Braucht die Katze tägliche Beschäftigung?

Aus menschlicher Perspektive liegt die Idee nahe, Aktivität regelmäßig erzeugen zu müssen, um ein Gleichgewicht herzustellen. Dieses Denken setzt voraus, dass Bewegung selbst das Ziel ist. Für die Katze ist Bewegung jedoch Teil eines Ablaufs, nicht dessen Zweck.

Aktivität entsteht, wenn ein Reiz eine Handlung auslöst. Ruhe entsteht, wenn diese Handlung beendet werden kann.

Die Häufigkeit, mit der dies geschieht, ist individuell unterschiedlich und nicht an einen festen Tagesrhythmus gebunden. Eine Katze benötigt daher keine tägliche Animation im Sinne eines Pflichtprogramms. Entscheidend ist, ob ihr Alltag gelegentlich Situationen enthält, in denen Verhalten zu einem klaren Ende gelangt.

Wo dies der Fall ist, wechseln Aktivität und Ruhe von selbst. Wo es fehlt, kann mehr Beschäftigung den Zustand nur begrenzt stabilisieren, da nicht Bewegung gesucht wird, sondern Auflösung.

Diese Perspektive verändert auch die Bewertung ruhiger Katzen. Lange Ruhephasen sind kein Hinweis auf fehlende Bedürfnisse, sondern entsprechen der biologischen Strategie eines Lauerjägers. Erst wenn Ruhe mit dauerhaft geringer Reaktionsbereitschaft oder anhaltender Wachsamkeit einhergeht, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Vorhersagbarkeit der Umwelt.

Warum Katzen auch allein spielen

Ein Teil des Aktivitätsverhaltens von Katzen entsteht unabhängig vom Menschen. Viele Tiere beschäftigen sich selbst mit kleinen Objekten, tragen Dinge durch die Wohnung oder jagen kurzzeitig unscheinbare Reize. Diese Episoden dauern meist nur wenige Sekunden und wiederholen sich in größeren Abständen.

Auffällig ist dabei ihre Struktur: Die Katze löst die Bewegung aus, verfolgt sie kurz und beendet die Situation selbst – etwa indem das Objekt festgehalten oder aus dem Blickfeld entfernt wird. Anders als im interaktiven Spiel wird der Ablauf nicht verlängert. Die Sequenz ist kurz und abgeschlossen.

Solches Verhalten tritt häufig in Ruhephasen oder nachts auf und wirkt deshalb leicht zufällig. Tatsächlich erfüllt es eine regulatorische Funktion. Die Katze erzeugt eigenständig Situationen mit klarem Ausgang und kann Aktivierung anschließend wieder absenken.

Dies erklärt auch, warum manche Katzen wenig Interesse an langen Spieleinheiten zeigen, aber dennoch regelmäßig aktiv werden. Aktivität wird nicht vermieden, sondern in kurze, vollständig beendete Abläufe organisiert.

Selbstständiges Spiel ersetzt daher keine soziale Interaktion, zeigt aber, dass Katzen nicht auf dauerhafte Animation angewiesen sind. Sie benötigen nicht zwingend mehr Aktivität — sondern gelegentlich Bedingungen, unter denen Verhalten eindeutig enden kann.

Warum Klickertraining viele Katzen sofort verändert

Ein besonders aufschlussreiches Gegenbeispiel zu offenem Spiel stellt das Klickertraining dar. Viele Halter beobachten dabei eine auffällige Kombination: Die Katze arbeitet konzentriert mit, zeigt kaum motorische Übersprunghandlungen und bleibt anschließend ruhig – obwohl kaum körperliche Auslastung stattgefunden hat.

Der Unterschied liegt nicht in der Intensität der Aktivität, sondern in der Art, wie Verhalten beendet wird.

Beim Spiel wird eine angeborene Handlungssequenz ausgelöst, deren Ende sensorisch erreicht werden muss. Bleibt der Zugriff aus, bleibt die Handlung innerlich offen. Beim Klickertraining dagegen wird kein Jagdsystem aktiviert, sondern ein Lernsystem. Auf eine Aktion folgt ein neutrales, immer gleiches Signal, das zuverlässig eine Konsequenz ankündigt. Das Nervensystem muss die Situation daher nicht mehr über motorische Fortsetzung klären – die Information über den Ausgang liegt bereits vor.

Jede Handlung wird so zu einer abgeschlossenen Einheit, ohne dass eine körperliche Endhandlung notwendig ist. Verhalten wird nicht durch Zugriff beendet, sondern durch Vorhersagbarkeit.

Deshalb können sehr kurze Trainingseinheiten eine deutlich stärkere Beruhigung erzeugen als lange Spieleinheiten. Nicht weil die Katze „nachgedacht“ hätte, sondern weil kein offener Handlungszustand bestehen bleibt.

Das Beispiel zeigt einen grundlegenden Mechanismus: Der Organismus benötigt kein bestimmtes Verhalten, sondern eine eindeutige Rückmeldung über dessen Ergebnis. Spiel erreicht dies über sensorische Auflösung, Training über kognitive Vorhersage.

Klickertraining im Mehrkatzenhaushalt

Mehrkatzenhaushalte zeigen häufig ein charakteristisches Muster: Die Aktivität zwischen den Tieren lässt sich leicht steigern, doch Ruhe stellt sich nicht zuverlässig ein. Nach interaktivem Spiel setzt das Verfolgen oft fort, eine Katze weicht aus, die andere bleibt dran – und was zunächst wie Spiel wirkte, entwickelt sich allmählich zu Spannung. Dieses Verhalten wird häufig als Konkurrenz um Ressourcen oder als Dominanz interpretiert. In vielen Fällen spiegelt es jedoch einen gemeinsam offenen Handlungszustand wider.

Werden mehrere Katzen gleichzeitig aktiviert, ohne dass sich die Situation für jedes Individuum eindeutig klärt, verlagert sich die Aktivierung in die soziale Interaktion. Ein Tier setzt die Sequenz fort, indem es das andere als beweglichen Reiz nutzt. Das Verhalten richtet sich dann nicht primär gegen den Partner, sondern auf die Beendigung einer begonnenen Handlung.

Klickertraining bietet hierzu einen aufschlussreichen Gegensatz. Da das Signal zuverlässig mit einer Konsequenz für genau ein Tier verknüpft ist, erhält jede Handlung eine individuelle Auflösung. Für die anderen Katzen bleibt kein mehrdeutiges Ergebnis bestehen: Entweder geschieht nichts, oder der eigene Durchgang folgt vorhersehbar. Die Interaktion zerfällt dadurch in parallele, abgeschlossene Einheiten statt in eine gemeinsame, ungelöste Sequenz.

In vielen Haushalten zeigt sich anschließend eine deutliche Abnahme von Nachjagen oder Spannungen nach Aktivität. Die Tiere haben nicht mehr Energie verbraucht, sondern es verbleiben weniger offene Handlungsschleifen, die sich in soziales Verhalten verlagern könnten.

Der Effekt verdeutlicht, dass soziale Stabilität nicht nur von Ressourcen oder Rangordnung abhängt, sondern auch davon, ob ausgelöstes Verhalten für jedes beteiligte Individuum zuverlässig zu einem Abschluss gelangen kann.

Fazit

Das Verhalten der Katze lässt sich nicht sinnvoll über die Menge an Beschäftigung erklären. Viele Aktivitäten, die als Spiel wahrgenommen werden, gehören zu einem System, das auf Abschluss angelegt ist. Wird dieser Abschluss erreicht, folgt Ruhe. Bleibt er aus, bleibt Aktivierung bestehen oder wird langfristig seltener ausgelöst.

Dieser Abschluss kann auf unterschiedliche Weise entstehen: durch sensorische Auflösung in der Umwelt, durch eigenständig beendete Handlungen oder durch vorhersagbare Konsequenzen im Lernen. In allen Fällen erhält der Organismus die Information, dass eine Situation geklärt ist.

Damit verschiebt sich die zentrale Frage: Nicht wie viel eine Katze tut, sondern ob ihr Verhalten in ihrer Umgebung nachvollziehbar beantwortet wird, bestimmt ihren Zustand.

Aktivität und Ruhe sind daher keine Gegensätze, sondern aufeinanderfolgende Zustände eines geklärten Ablaufs.

Sources

  • Henning, J.S.L., Wischnewski, S., et al. (2023). Play and welfare in domestic cats: Current knowledge and future directions. Animal Welfare.

  • Henning, J., Wischnewski, S., et al. (2023). Cats just want to have fun: Associations between play behaviour and behavioural stability in domestic cats. Frontiers in Veterinary Science.

  • Grigg, E.K., Nibblett, B.M., et al. (2022). Associations between laser light pointer play and abnormal repetitive behaviours in domestic cats. Animals.

  • Cecchetti, M., Crowley, S.L., et al. (2021). Drivers and facilitators of hunting behaviour in domestic cats. Mammal Review.

Loyd, K.A.T., Hernandez, S.M., et al. (2013). Quantifying free-roaming domestic cat predation using animal-borne video cameras. Biological Conservation.

  • Bradshaw, J.W.S. (2013). Cat Sense: How the New Feline Science Can Make You a Better Friend to Your Pet. Basic Books.

  • Turner, D.C., Bateson, P. (Hrsg.) (2014). The Domestic Cat: The Biology of its Behaviour. Cambridge University Press.

Disclaimer

Dieser Beitrag ordnet typische Verhaltensweisen von Katzen aus verhaltensbiologischer Perspektive ein. Er ersetzt keine individuelle tierärztliche oder verhaltenstherapeutische Abklärung. Zeigt eine Katze plötzlich deutlich verändertes Aktivitätsniveau, anhaltende Unruhe, Rückzug, Aggression oder Apathie, sollte immer auch eine medizinische Ursache ausgeschlossen werden.

Weiterführendes

Was das für Halter bedeutet – auch während Abwesenheit

Aus dem beschriebenen Mechanismus ergibt sich zunächst eine Entlastung: Die Qualität der Haltung bemisst sich nicht daran, wie lange täglich gespielt wird. Katzen benötigen weder dauerhafte Beschäftigung noch ein festes Bewegungspensum. Entscheidend ist vielmehr, ob ihre Umgebung verlässlich reagiert und Handlungen gelegentlich zu einem Ende gelangen können.

Dabei ist der Mensch nicht allein für diese Regulation verantwortlich. Katzen erzeugen selbst kurze abgeschlossene Aktivitätsphasen und nutzen ihre Umgebung zur Klärung von Situationen. Spiel durch den Halter ergänzt diese Möglichkeiten, ersetzt sie aber nicht.

Viele Halter erleben zwei scheinbar gegensätzliche Situationen: Eine Katze läuft nach dem Spiel weiter suchend durch die Wohnung, während eine andere kaum Interesse zeigt. Beides kann aus derselben Ursache entstehen — Aktivität beginnt, ohne dass sie eindeutig beendet wird. Ziel ist daher nicht, möglichst viel Aktivität zu erzeugen, sondern Aktivität gelegentlich zu klären. Kurze, nachvollziehbare Interaktionen stabilisieren den Zustand oft stärker als lange Spielphasen, die immer wieder unterbrochen werden.

Damit verändert sich auch die Bedeutung von Ruhe. Längere Schlafphasen entsprechen der biologischen Strategie eines Lauerjägers und sind kein Hinweis auf Unterforderung. Entscheidend ist der Zustand danach: Wirkt die Katze orientiert und ansprechbar, reguliert sie sich selbst. Bleibt sie dagegen dauerhaft wachsam oder ungewöhnlich passiv, fehlt häufig nicht Bewegung, sondern ein klarer Abschluss im Ablauf ihrer Handlungen.

Während der Abwesenheit des Halters verschiebt sich die Aufgabe der Betreuung noch deutlicher. Für die Katze ist nicht entscheidend, ob viel gespielt wird, sondern ob ihr Alltag vorhersagbar bleibt. Verlässliche Abläufe, ruhige Anwesenheit und kurze Interaktionen mit klarem Ende stabilisieren den Zustand stärker als wechselnde Aktivierungsversuche.

Gute Betreuung erkennt daher weniger, wie viel eine Katze tut, sondern in welchem Zustand sie anschließend verbleibt.