Bastet – die Geschichte einer besonderen Beziehung zwischen Mensch und Katze
September 2026
Autor: Corina Käsler, Geschäftsführerin Katzengesellschaft
Eine aufrecht sitzende Katze, den Schwanz eng um den Körper gelegt, Ohren und Blick aufmerksam nach vorn gerichtet: So begegnet uns Bastet heute in Museen. Manche der berühmten Bronzefiguren tragen Ohrringe, Halsbänder oder Amulette. Sie wirken erstaunlich vertraut. Die Haltung könnte ebenso gut von einer Katze stammen, die heute auf einer Fensterbank sitzt und ihre Umgebung beobachtet.
Mit solchen Bildern verbindet sich eine Geschichte, die oft in einem Satz erzählt wird: Im Alten Ägypten galten Katzen als heilig und wurden als Götter verehrt. Historisch stimmt daran gerade genug, um den Satz glaubwürdig erscheinen zu lassen. Bastet war tatsächlich eng mit der Katze verbunden, Katzen waren ihr heilig, und in späteren Jahrhunderten wurden Statuetten und mumifizierte Katzen in riesiger Zahl für ihren Kult verwendet. Nur begann Bastets Geschichte lange vor dieser Katzenverehrung. Die älteste Bastet hatte den Kopf einer Löwin.
Auch bei der zweiten bekannten Geschichte lohnt ein neuer Blick. Jahrzehntelang galt es als weitgehend gesichert, dass sich die Hauskatze im Vorderen Orient den ersten bäuerlichen Siedlungen anschloss und anschließend schon mit den frühen Bauern nach Europa gelangte. Eine große Genomstudie aus dem Jahr 2025 hat einen wichtigen Teil dieses Modells infrage gestellt. Der Ursprung unserer Hauskatze ist wieder offener, als es noch vor wenigen Jahren schien - und Nordafrika spielt dabei eine größere Rolle.
Wer Bastet verstehen will, landet deshalb überraschend schnell bei einer aktuellen wissenschaftlichen Debatte über die Domestikation der Katze. Und wer dieser Geschichte bis in die Gegenwart folgt, kommt irgendwann bei einer anderen Frage an: Die Ägypter sahen in der Katze Eigenschaften einer Göttin. Was sehen wir heute in ihr?
Bastet - wer war die Göttin mit dem Katzenkopf?
Bastet gehört zu den alten Gottheiten Ägyptens. Hinweise auf ihren Kult reichen bis in die 2. Dynastie zurück, ungefähr um 2800 v. Chr. Auf beschrifteten Steingefäßen aus den unterirdischen Galerien der Djoser-Pyramide in Saqqara erscheint bereits ihr Name. Dargestellt wird sie dort als Frau mit Löwinnenkopf. Auch aus Bubastis, ihrem späteren wichtigsten Kultzentrum im östlichen Nildelta, ist aus der Regierungszeit Pepi I. um 2270 v. Chr. eine löwenköpfige Bastet bekannt. Die Hauskatze, die heute kaum von ihrem Namen zu trennen ist, spielte in diesen frühen Darstellungen noch keine Rolle.
Die Löwin passte in die ägyptische Vorstellungswelt. Sie verkörperte Stärke und Schutz, aber ebenso Gefahr und zerstörerische Kraft. Mehrere Göttinnen konnten solche Eigenschaften tragen. Bastet und Sachmet werden heute gern als Gegensätze dargestellt - hier die freundliche Katze, dort die gefährliche Löwin. Die ägyptische Religion war weniger ordentlich. Eigenschaften, Namen und Erscheinungsformen verschiedener Gottheiten konnten sich überschneiden, miteinander verbunden werden und sich über lange Zeit verändern. Bastet verlor ihre gefährliche Seite auch später nicht vollständig, als Mutterschaft, Fruchtbarkeit, Schutz des häuslichen Lebens, Musik und Freude stärker mit ihr verbunden wurden.
Ihr Kultzentrum Bubastis entwickelte sich zu einem bedeutenden religiösen Ort. Der ägyptische Name Per-Bastet bedeutet "Haus der Bastet". Herodot, der Ägypten im 5. Jahrhundert v. Chr. besuchte, schilderte ein großes Fest zu Ehren der Göttin, zu dem Menschen auf Booten anreisten, sangen, musizierten und feierten. Antike Reiseberichte sind keine neutralen ethnografischen Protokolle, doch archäologische Untersuchungen haben manches bestätigt, was Herodot über die Lage des Tempelbezirks und seine Wasserwege schrieb.
Die Bastet, die er kannte, hatte sich längst von ihren frühen Erscheinungsformen entfernt. Im Verlauf des zweiten Jahrtausends v. Chr. wurde sie immer häufiger als Hauskatze oder als Frau mit Katzenkopf dargestellt. Spätestens in der Spätzeit war die sitzende Katze eines ihrer charakteristischen Bilder. Kleine Bronzestatuetten gehörten zu den häufigsten religiösen Gaben jener Epoche. Menschen stifteten sie einem Heiligtum als Bitte, Dank oder Ausdruck ihrer Verehrung; solche religiösen Gaben werden als Votivgaben bezeichnet. In Bubastis und Saqqara fanden sich Katzenstatuetten gemeinsam mit großen Mengen mumifizierter Katzen.
Aus diesem späteren Kult entstand vermutlich auch der moderne Satz, die Ägypter hätten Katzen angebetet. Die Ägyptologie beschreibt das anders. Ein Tier konnte einer Gottheit heilig sein, eine Erscheinungsform von ihr darstellen oder Eigenschaften verkörpern, die mit ihr verbunden wurden. Eine gewöhnliche Katze wurde dadurch nicht selbst zur Göttin.
Yekaterina Barbash vom Brooklyn Museum verweist auf eine Eigenschaft, die für die religiöse Symbolik der Katzen besonders geeignet gewesen sein könnte. Katzen verbinden Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen: Fürsorge für die Jungen und Ruhe auf der einen Seite, Geschwindigkeit, Jagd und heftige Gegenwehr auf der anderen. Die alte Löwengöttin musste nicht vollkommen harmlos werden, als sie das Gesicht einer Hauskatze annahm. Auch die kleine Katze konnte schützen und töten.
Warum sie innerhalb der Religion eine solche Bedeutung gewann, lässt sich aus den erhaltenen Texten nicht ablesen. Zur selben Zeit hatte sich allerdings auch außerhalb der Tempel etwas verändert. Katzen lebten immer enger mit Menschen zusammen.
Von der Wildkatze zur Hauskatze - was die Forschung seit 2025 anders sieht
Die Hauskatze stammt von der Afrikanischen Wildkatze Felis lybica ab. Über den Beginn ihrer Beziehung zum Menschen gibt es eine ausgesprochen überzeugende Geschichte. Als Menschen im Vorderen Orient vor rund 10.000 Jahren sesshaft wurden und größere Mengen Getreide lagerten, entstanden ideale Lebensbedingungen für Mäuse und andere kleine Nager. Wildkatzen fanden dort reichlich Beute. Tiere, die menschliche Nähe tolerierten, hatten Zugang zu einem neuen Jagdgebiet; Menschen profitierten von den Mäusejägern. Anders als Rinder, Schafe oder später Pferde mussten Katzen nicht eingefangen und für eine bestimmte Leistung gezüchtet werden. Ein Teil der Wildkatzenpopulation konnte sich dem Menschen selbst annähern.
Archäologische Funde passen gut zu einer frühen Nähe zwischen beiden Arten. Auf Zypern wurde eine etwa 9.500 Jahre alte Bestattung entdeckt, in der die Überreste einer Katze nur wenige Dezimeter von einem Menschen entfernt lagen. Wildkatzen konnten die Insel nicht aus eigener Kraft erreichen. Menschen hatten Katzen also schon damals über das Meer transportiert. Ob das bestattete Tier bereits domestiziert war, lässt sich daraus nicht ableiten; ein gezähmtes Wildtier ist noch keine Hauskatze. Der Fund zeigt aber, dass die Beziehung viel weiter zurückreicht als die späteren ägyptischen Katzendarstellungen. (Vigne et al., 2004)
Lange schien auch die genetische Geschichte dieses Weges gut dazu zu passen. Driscoll und Kollegen lokalisierten 2007 anhand moderner Katzenpopulationen den Ursprung der Hauskatze im Vorderen Orient. Eine große Untersuchung alter mitochondrialer DNA durch Ottoni und Kollegen ergänzte das Modell 2017 um zwei Ausbreitungsphasen. Zunächst sollten Katzen aus dem Vorderen Orient schon während des Neolithikums gemeinsam mit Bauern nach Europa gelangt sein. Jahrtausende später verbreitete sich eine zweite, stark mit Ägypten verbundene Katzenpopulation über die Handels- und Schifffahrtswege der antiken Welt. Ägypten war in diesem Modell also wichtig, aber nicht der Ausgangspunkt der ersten europäischen Hauskatzen. (Driscoll et al., 2007; Ottoni et al., 2017)
Die 2025 in Science veröffentlichte Arbeit von De Martino und einem großen internationalen Forschungsteam setzt an einer Schwäche dieser früheren Untersuchungen an. Viele der alten genetischen Zuordnungen beruhten auf mitochondrialer DNA. Sie wird ausschließlich über die mütterliche Linie weitergegeben und bildet nur einen winzigen Ausschnitt der gesamten Abstammungsgeschichte eines Tieres ab. Eine Europäische Wildkatze kann beispielsweise eine mitochondriale Linie afrikanischer Herkunft tragen, wenn sich ihre Vorfahren irgendwann mit einer Afrikanischen Wildkatze gekreuzt haben. Betrachtet man nur diese mütterliche Linie, kann das Tier afrikanischer erscheinen, als sein übriges Genom tatsächlich ist.
De Martino und Kollegen analysierten 87 alte und moderne Katzengenome. Einige frühe Tiere aus Europa, die im bisherigen Modell als Hinweis auf eine Ausbreitung der Hauskatze mit neolithischen Bauern gegolten hatten, erwiesen sich im Gesamtgenom nicht als eingewanderte Hauskatzen. Es waren Europäische Wildkatzen, deren Population zuvor genetischen Austausch mit Afrikanischen Wildkatzen erlebt hatte. Ein wesentlicher genetischer Beleg für die sehr frühe Ankunft domestizierter Katzen in Europa brach damit weg. (De Martino et al., 2025)
Die zeitliche Verschiebung ist beträchtlich. Nach dem neuen Datensatz lassen sich Katzen aus der Abstammungslinie heutiger europäischer Hauskatzen dort erst ungefähr vor 2.000 Jahren eindeutig nachweisen. Ihre genetische Herkunft weist stark nach Nordafrika. Während der römischen Kaiserzeit tauchen solche Tiere innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit an weit voneinander entfernten Orten Europas auf. Daneben gab es bereits früher eine andere Bewegung: Nordwestafrikanische Wildkatzen wurden im ersten Jahrtausend v. Chr. nach Sardinien gebracht. Diese Population gehört jedoch nicht zur eigentlichen Ausbreitung der heutigen europäischen Hauskatze.
Aus "Die Katze kam mit den ersten Bauern aus dem Vorderen Orient nach Europa" wird nach heutigem Stand also eine andere Geschichte: Die Nähe zwischen Mensch und Katze ist tatsächlich sehr alt, wie der Fund auf Zypern zeigt. Für eine neolithische Ausbreitung bereits domestizierter Katzen nach Europa fehlen nach den Gesamtgenomdaten von 2025 aber die überzeugenden Belege. Die Vorfahren der europäischen Hauskatzen scheinen erst viel später, wahrscheinlich aus Nordafrika, gekommen zu sein.
Ausgerechnet an der interessantesten Stelle bleiben die Daten dünn. Alte vollständige Katzengenome aus Ägypten und anderen Teilen Nordafrikas sind bislang selten. Die neue Studie beweist deshalb nicht, dass die Hauskatze in Ägypten domestiziert wurde. Die Autoren nennen ausdrücklich die Levante, Ägypten und andere Regionen innerhalb des natürlichen Verbreitungsgebietes von Felis lybica als weiterhin mögliche Ausgangspunkte. Die alte Gewissheit über einen ausschließlich vorderasiatischen Ursprung ist schwächer geworden; durch eine ebenso einfache ägyptische Ursprungsgeschichte lässt sie sich nicht ersetzen.
Für Ägypten besitzen wir dafür bemerkenswerte archäologische Spuren. In Hierakonpolis wurde um 3700 v. Chr. eine kleine Wildkatze in einem besonderen Friedhofsbereich bestattet. An Vorder- und Hinterbein fanden die Archäologen schwere, zu Lebzeiten entstandene Knochenbrüche. Beide Verletzungen waren bereits weitgehend verheilt. Für ein kleines wildes Raubtier hätten solche Frakturen die Jagd und vermutlich auch die Flucht vor Gefahren erheblich erschwert. Das Tier überlebte trotzdem noch mehrere Wochen. Linseele und Kollegen werteten dies als starkes Indiz dafür, dass Menschen die Katze gefangen hielten und während ihrer Genesung mit Nahrung versorgten. Die Verletzungen selbst könnten sogar beim Einfangen entstanden sein; sicher feststellen lässt sich das nicht. Bemerkenswert bleibt, dass Menschen mehr als fünftausend Jahre vor unserer Zeit offenbar ein verletztes Tier am Leben hielten, das noch keine Hauskatze im heutigen Sinn war. (Linseele et al., 2007)
Spätere Ausgrabungen am selben Ort vertieften dieses Bild. In einem Grab lagen sechs Katzen gemeinsam: ein erwachsenes Männchen, ein Weibchen und vier Jungtiere aus zwei verschiedenen Würfen. Alter und Zusammensetzung der Gruppe passen schlecht zu einer zufällig aufgefundenen Wildkatzenfamilie. Die Forschenden sprachen deshalb von menschlicher "kultureller Kontrolle" und hielten es für möglich, dass Menschen bereits Einfluss auf Haltung und Fortpflanzung der Tiere nahmen. Auch hier vermieden sie bewusst den weitergehenden Schluss, bereits vollständig domestizierte Hauskatzen vor sich zu haben. (Van Neer et al., 2014)
Jahrtausende später sind Katzen in Ägypten keine seltenen archäologischen Besonderheiten mehr. In Bildern des Neuen Reiches sitzen sie unter Stühlen, erscheinen im häuslichen Umfeld oder begleiten Menschen bei der Jagd im Nildickicht. Sie waren Teil der menschlichen Lebenswelt geworden. In ungefähr derselben langen historischen Phase erhielt Bastet zunehmend ihre katzenförmige Gestalt.
Eine Ursache lässt sich daraus nicht konstruieren. Kein ägyptischer Text erklärt den Wandel Bastets mit der wachsenden Zahl von Hauskatzen. Die beiden Entwicklungen nebeneinander zu betrachten ist dennoch aufschlussreich: Das Tier wurde im Alltag sichtbarer, gleichzeitig eignete es sich immer stärker als religiöses Bild einer Göttin, die seit sehr viel längerer Zeit existierte.
Geliebter Hausgenosse, heiliges Tier - und Opfergabe
Die Verehrung Bastets und die zahlreichen Katzenbilder haben dem Alten Ägypten einen Ruf eingebracht, der bis heute anhält: Nirgendwo seien Katzen mehr geliebt und geschützt worden. Die Quellen passen nur teilweise in dieses freundliche Bild.
Es gab eine persönliche Beziehung zu Katzen. Grabmalereien zeigen sie innerhalb des Haushalts und in unmittelbarer Nähe ihrer Menschen. Einige Namen einzelner Tiere sind überliefert, und Haustiere konnten nach ihrem Tod bestattet werden. Gleichzeitig wurde die Katze zu einem Tier des Kultes. Diese Rollen waren nicht identisch, und sie existierten nebeneinander.
Besonders sichtbar wird der Unterschied an den Tiermumien. Mumifizierung war nicht automatisch die Bestattung eines geliebten Haustieres. Im Ägypten der Spätzeit und der griechisch-römischen Epoche wurden mumifizierte Tiere in gewaltiger Zahl als religiöse Gaben hergestellt. Ein Gläubiger konnte eine Katzenmumie erwerben und sie Bastet widmen; anschließend wurden solche Gaben in Katakomben gesammelt. In den großen Kultzentren fanden Archäologen enorme Mengen an Katzenmumien und Katzenstatuetten.
Für eine solche religiöse Praxis mussten über lange Zeit viele Tiere verfügbar sein. Gezielte Haltung und Vermehrung von Katzen gilt als wichtiger Teil dieser Versorgung. Wie diese Tiere lebten, ob die Systeme überall gleich organisiert waren und in welchem Umfang zusätzlich eingefangene Tiere verwendet wurden, ist wesentlich schlechter belegt. Das British Museum untersucht seit 2024 in einem bis 2027 laufenden multidisziplinären Projekt seine große Sammlung ägyptischer Tiermumien. Zu den ausdrücklich offenen Fragen gehört, unter welchen Bedingungen die Tiere gehalten wurden und wie sich die Praxis der Tiermumifizierung im Laufe der Zeit veränderte.
Bei einem Teil der Katzen kennen wir zumindest die Todesumstände. Röntgen- und CT-Untersuchungen haben bei mehreren Mumien Verletzungen am Schädel oder an der Halswirbelsäule nachgewiesen. Eine 2020 mit hochauflösender Mikro-Computertomografie untersuchte Katze war noch keine fünf Monate alt. Die Befunde zeigten eine gezielte tödliche Verletzung im Halsbereich; die Autoren gehen davon aus, dass das Tier stranguliert beziehungsweise sein Genick gebrochen wurde. (Johnston et al., 2020)
Man sollte aus einer einzelnen Mumie keine Produktionsgeschichte für ganz Ägypten ableiten. Ebenso wenig lässt sich der Befund als seltene Ausnahme abtun: Junge Tiere und Hinweise auf absichtliche Tötung sind auch aus anderen Untersuchungen bekannt. Manche mumienförmigen Bündel enthalten vollständige Katzen, andere nur Teile eines Tieres oder eine Mischung verschiedener Überreste. Der Kult war über Jahrhunderte, Regionen und Heiligtümer hinweg nicht einheitlich.
Unser moderner Widerspruch zwischen "heilig" und "getötet" funktioniert für diese religiöse Praxis nur begrenzt. Die einzelne Katze besaß nicht zwangsläufig deshalb einen besonderen Wert, weil jede Katze als unantastbares Individuum betrachtet wurde. Ihre Verbindung zu Bastet konnte ihr eine kultische Funktion geben; als mumifiziertes Tier wurde sie zur religiösen Gabe.
Das verändert den Blick auf die berühmte ägyptische Katzenliebe. Religiöse Bedeutung und Tierwohl sind nicht dasselbe. Eine Katze konnte als Hausgenosse geschätzt werden, eine andere wurde für einen Tempelkult aufgezogen und getötet, während eine bronzene Katze Bastet selbst repräsentierte. Die verschiedenen Rollen widersprachen sich innerhalb der damaligen Kultur offenbar weniger, als sie es aus heutiger Sicht tun.
Warum ausgerechnet die Katze?
Die Ägypter haben uns keine Abhandlung darüber hinterlassen, warum eine Hauskatze Bastet besonders gut verkörperte. Wir können beobachten, wie sich ihre Ikonografie veränderte und welche Eigenschaften mit felinen Gottheiten verbunden wurden. Die Motive hinter diesem Wandel im Detail zu rekonstruieren, würde mehr Sicherheit vortäuschen, als die Quellen erlauben.
Das Tier selbst liefert trotzdem einen interessanten Anhaltspunkt. Die Katze vereint Eigenschaften, die auch in der religiösen Figur Bastets nebeneinander bestehen konnten. Eine Katzenmutter versorgt und verteidigt ihre Jungen. Ein entspanntes Tier kann stundenlang beinahe regungslos im Haus liegen und kurz darauf mit hoher Geschwindigkeit Beute verfolgen. Jagdverhalten verschwindet nicht, nur weil eine Hauskatze regelmäßig gefüttert wird; es gehört zu einem Verhaltenssystem, das nicht erst bei akutem Hunger eingeschaltet wird.
Auch das verbreitete Gegenbild von der grundsätzlich unsozialen Katze hält sich wissenschaftlich nicht. Die Afrikanische Wildkatze ist überwiegend solitär, die Hauskatze dagegen sozial flexibel. Frei lebende Katzen können dort, wo Ressourcen konzentriert vorhanden sind, soziale Gruppen bilden und stabile affiliative Beziehungen entwickeln. Andere Individuen bevorzugen größere Distanz. Frühere Erfahrungen, Verwandtschaft, Umweltbedingungen und Persönlichkeit beeinflussen, wie viel soziale Nähe eine Katze sucht oder toleriert. Eine aktuelle veterinärmedizinische Übersicht bezeichnet die Vorstellung von der "unsozialen Katze" ausdrücklich als einen der hartnäckigen Mythen über ihr Verhalten. (Vitale et al., 2023; Ballantyne, 2025)
Diese Flexibilität gilt auch gegenüber Menschen. Hauskatzen können soziale Beziehungen zu uns entwickeln und passen ihr Verhalten an vertraute Personen an. Wie diese Beziehung wissenschaftlich bezeichnet werden sollte, ist weniger geklärt. Untersuchungen mit sogenannten Secure-Base-Tests finden bei Katzen teilweise Verhaltensweisen, die an bekannte Bindungsmuster erinnern. Eine kleine Studie mit 30 Katzen berichtete 2025, dass bei als sicher gebunden klassifizierten Tieren nach einer positiven Interaktion mit ihrem Menschen der Oxytocinspiegel im Speichel anstieg. Die geringe Stichprobe und die vorausgehende Klassifikation der Tiere lassen daraus keinen allgemeinen Beweis für ein bestimmtes Bindungsmodell ableiten. (Chang et al., 2025)
Andere Verhaltensforscher stellen schon die Ausgangsfrage infrage. Pongrácz und Kollegen argumentieren, dass der Vergleich mit Hund oder Kind den Besonderheiten der Katze nicht gerecht wird. Selbst ausgesprochen menschenbezogene Therapiekatzen zeigten in ihrer Studie keine eindeutige Abhängigkeit von ihrem vertrauten Menschen im Sinne des klassischen Secure-Base-Modells. Die Autoren sehen in der funktionellen Selbstständigkeit der Katze keine schwächere Form einer Hund-Mensch-Beziehung, sondern eine eigene Form des Zusammenlebens. (Pongrácz et al., 2025)
Darüber lässt sich wissenschaftlich streiten. Für unsere Geschichte ist eine andere Gemeinsamkeit interessanter: Die Domestikation hat der Katze soziale Möglichkeiten eröffnet, ohne ihren ursprünglichen Bauplan und ihre jagdliche Selbstständigkeit radikal zu verändern. Sie kann Beziehungen eingehen und trotzdem vieles selbstständig tun; sie kann Nähe suchen, ohne dass jeder Kontakt von menschlicher Seite beliebig verlängert werden kann.
Diese Verbindung aus Nähe und Eigenständigkeit wirkt heute besonders reizvoll. Ob sie für einen Menschen im Alten Ägypten dieselbe Bedeutung hatte, wissen wir nicht. Für die Symbolik Bastets brauchte es aber kein modernes Konzept von "Bindung". Eine Katze musste nur beobachtet werden: beim Säugen ihrer Jungen, beim ruhigen Liegen im Haus, bei der Jagd oder wenn sie ihre Krallen einsetzte. Sanft und gefährlich waren keine Gegensätze.
Sind unsere Katzen heute noch Götter?
Tempel bauen wir ihnen nicht mehr. Trotzdem haben Katzen in vielen Haushalten einen gesellschaftlichen Aufstieg erlebt, der für ein Tier bemerkenswert ist. Ihr praktischer Wert spielt meist keine Rolle mehr. Eine Katze darf Mäuse vollkommen ignorieren und trotzdem selbstverständlich versorgt werden. Tiermedizin, Ernährung, Beschäftigung und Betreuung werden zunehmend an individuellen Bedürfnissen ausgerichtet; bei Krankheit investieren Halter Geld und Zeit, ohne dass dem ein wirtschaftlicher Nutzen des Tieres gegenübersteht.
Auch unsere Sprache hat sich verändert. In einer Untersuchung von mehr als 1.800 niederländischen Katzenhaltern bezeichneten 52 Prozent ihre Katze als Familienmitglied, 27 Prozent als Kind und sechs Prozent als besten Freund; nur 14 Prozent wählten die schlichte Kategorie Haustier. Solche Befragungen beschreiben keine universelle Katzenhaltung und sind kulturell geprägt. Eine internationale Studie mit Daten von mehr als 19.000 Hunde- und Katzenhaltern aus zehn Ländern zeigte 2026 auch innerhalb der Katzenhalter deutliche Unterschiede in der Stärke der emotionalen Bindung, in der Humanisierung des Tieres und im Umgang mit tiermedizinischer Versorgung. (Bouma et al., 2024; Maupin et al., 2026)
Die menschliche Nähe hat eine Kehrseite, die gut zu einem Artikel über Verehrung passt. Je stärker wir Tiere in menschliche Rollen einordnen, desto eher laufen wir Gefahr, ihr Verhalten auch mit menschlichen Kategorien zu erklären. In der niederländischen Untersuchung schrieben Halter, die ihre Katze als Kind, Familienmitglied oder besten Freund betrachteten, Katzen häufiger komplexe soziale Emotionen wie Eifersucht oder Mitgefühl zu. Sie erkannten außerdem häufiger vermeintliche Emotionen in neutralen Katzenbildern, in denen keine verlässlichen emotionalen Signale zu sehen waren.
Das bedeutet nicht, dass Katzen weder Mitgefühl noch Eifersucht empfinden können. Bei vielen komplexen emotionalen und kognitiven Fähigkeiten fehlt bisher die Forschung, die solche Fragen überzeugend beantworten könnte. Der Befund betrifft zunächst uns Menschen: Die Beziehung zu einem Tier beeinflusst, was wir in seinem Verhalten zu erkennen glauben.
Eine Katze, die sich zurückzieht, kann in menschlicher Interpretation "beleidigt" sein. Unsauberkeit wird zu "Protest", das Ende einer Streicheleinheit zur Laune einer Diva. Solche Erklärungen wirken persönlich und vertraut, können aber körperliche Ursachen, Stress, Unsicherheit oder normales Katzenverhalten verdecken. Ein Tier zum Familienmitglied zu erklären garantiert noch nicht, seine Bedürfnisse richtig zu verstehen.
An diesem Punkt liegen zwischen Bastet und der heutigen Hauskatze Jahrtausende - und trotzdem berühren sich die beiden Geschichten. Die Menschen des Alten Ägypten ordneten beobachtete Eigenschaften der Katze in ihre religiöse Welt ein. Schutz, Fürsorge und Gefährlichkeit konnten in einer felinen Gottheit zusammenfinden. Unsere Kategorien heißen nicht mehr göttlich, sondern Persönlichkeit, Liebe, Familie oder Bindung. Auch sie sind menschliche Versuche, eine Beziehung und das Verhalten eines anderen Lebewesens zu deuten.
Von einer Fortsetzung des Bastet-Kultes kann natürlich keine Rede sein. Geblieben ist etwas weniger Spektakuläres und möglicherweise Interessanteres: die außergewöhnliche Aufmerksamkeit, die wir diesem Tier schenken. Selbst die moderne Forschung versucht noch zu klären, wie sozial Katzen sind, welche Form ihre Beziehung zu Menschen annimmt und wie viel von ihrem Verhalten durch Domestikation verändert wurde. Die Katze lebt seit Jahrtausenden neben uns und lässt sich dennoch nicht vollständig in die Kategorien einordnen, die wir für andere Haustiere entwickelt haben.
Ob das schon Verehrung ist, hängt davon ab, wie weit man den Begriff dehnen möchte. Ein sinnvolleres Erbe Bastets wäre ohnehin nicht, die Katze erneut auf einen Sockel zu stellen. Wer sie zum kleinen Menschen, zur Diva oder zur modernen Göttin macht, ersetzt eine Projektion lediglich durch eine andere. Interessanter - und für die Katze vermutlich wichtiger - ist der Versuch, sie als das Tier zu verstehen, das sie tatsächlich ist. Gerade dafür wissen wir heute sehr viel mehr als die Menschen am Nil. Fertig sind wir damit noch lange nicht.
Quellen
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Barbash, Y.: Cats, Bastet and the Worship of Feline Gods. Brooklyn Museum / American Research Center in Egypt.
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Bouma, E. M. C., Reijgwart, M. L., Martens, P. & Dijkstra, A. (2024): Cat owners' anthropomorphic perceptions of feline emotions and interpretation of photographs. Applied Animal Behaviour Science, 270, 106150.
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Chang, H. et al. (2025): The effects of owner-cat interaction on oxytocin secretion in pet cats with different attachment styles. Applied Animal Behaviour Science, 283, 106524.
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De Martino, M. et al. (2025): The dispersal of domestic cats from North Africa to Europe around 2000 years ago. Science, 390, eadt2642.
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Driscoll, C. A. et al. (2007): The Near Eastern origin of cat domestication. Science, 317, 519-523.
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Johnston, R. et al. (2020): Evidence of diet, deification, and death within ancient Egyptian mummified animals. Scientific Reports, 10, 14113.
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Lange-Athinodorou, E.: The Goddess Bastet and the Cult of Feline Deities in the Nile Delta. Universität Würzburg / American Research Center in Egypt.
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Linseele, V., Van Neer, W. & Hendrickx, S. (2007): Evidence for early cat taming in Egypt. Journal of Archaeological Science, 34, 2081-2090.
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Maupin, D., Dadousis, C., Whetton, A. D. & Geifman, N. (2026): Companion animal owner "types" identified using a large-scale international assessment of the human-animal bond. Frontiers in Veterinary Science, 13, 1748135.
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Ottoni, C. et al. (2017): The palaeogenetics of cat dispersal in the ancient world. Nature Ecology & Evolution, 1, 0139.
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Pongrácz, P., Bensaali-Nemes, F., Bánszky, N. & Dobos, P. (2025): The biological irrelevance of 'Cattachment' - It's time to view cats from a different perspective. Applied Animal Behaviour Science, 287, 106641.
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Van Neer, W., Linseele, V., Friedman, R. & De Cupere, B. (2014): More evidence for cat taming at the Predynastic elite cemetery of Hierakonpolis (Upper Egypt). Journal of Archaeological Science, 45, 103-111.
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Vigne, J.-D., Guilaine, J., Debue, K., Haye, L. & Gérard, P. (2004): Early taming of the cat in Cyprus. Science, 304, 259.
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Vitale, K. R. et al. (2023): CATastrophic myths part 1: Common misconceptions about the social behavior of domestic cats and implications for their health, welfare, and management. The Veterinary Journal, 300-302, 106028.
Disclaimer
Dieser Artikel gibt den aktuellen Stand der archäologischen, genetischen, religionsgeschichtlichen und verhaltenswissenschaftlichen Forschung wieder. Gerade die Domestikationsgeschichte der Hauskatze wird derzeit neu bewertet; einzelne Fragen zu Ursprung, Ausbreitung und zur frühen Mensch-Katze-Beziehung sind wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Historische Deutungen zu Bastet und zum Katzenkult beruhen auf erhaltenen Texten, Darstellungen und archäologischen Funden und können sich mit neuen Erkenntnissen verändern. Wo Zusammenhänge nicht eindeutig belegt sind, werden sie im Artikel entsprechend als Interpretation oder offene Forschungsfrage dargestellt.