Warum wir im Karneval zur Katze werden

Februar 2026

Wie sich die Bedeutung der Katze im Karneval grundlegend verändert hat

Karneval ist kein harmloser Ausnahmezustand. Historisch betrachtet war er ein kulturell legitimierter Bruch im Kontinuum sozialer Ordnung, ein zeitlich begrenzter Raum, in dem das, was sonst verborgen, kontrolliert oder sanktioniert wurde, sichtbar werden durfte. Diese Sichtbarkeit folgte dabei keiner Beliebigkeit, sondern festen symbolischen Regeln. Karneval war nie Chaos um des Chaos willen, sondern eine ritualisierte Form sozialer Entlastung.

Dass Tiere in diesen Umkehrräumen eine zentrale Rolle spielten, ist kein Zufall. Tiere eigneten sich als Träger kultureller Bedeutungen, weil sie dem Menschen nah waren, ohne ihm vollständig zu gehören. Sie bewegten sich in denselben Lebensräumen, unterlagen aber nicht denselben moralischen Zuschreibungen. Unter ihnen nahm die Katze eine Sonderstellung ein. Nicht trotz, sondern wegen ihrer Ambivalenz.

Die Frage, warum Katzenkostüme im Karneval bis heute so präsent sind, lässt sich daher nicht über Ästhetik, Mode oder Niedlichkeit beantworten. Sie verweist auf eine lange kulturelle Geschichte, in der die Katze immer wieder als Projektionsfläche für Unsicherheit, Kontrollverlust und Grenzerfahrung diente – und in der sich diese Funktion im Laufe der Zeit grundlegend verschoben hat.

Eine aufmerksame Katze im Vordergrund, im Hintergrund unscharf eine venezianische Karnevalsmaske – Symbol für kulturelle Projektion, Distanz und Rollenwechsel.

„Katzen begleiten unsere Kulturgeschichte nicht als Randfiguren, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Vorstellungen von Nähe, Autonomie und Kontrolle.“ — Katzengesellschaft

Karneval als Umkehrraum und soziales Ventil

Mittelalterliche Fastnacht und frühneuzeitlicher Karneval waren keine Orte der Regellosigkeit, sondern der kontrollierten Entgrenzung. Gesellschaftliche Hierarchien wurden temporär infrage gestellt, Autoritäten verspottet, soziale Grenzen durchlässig gemacht. Diese Umkehr war nicht anarchisch, sondern ritualisiert und zeitlich begrenzt. Gerade diese Begrenzung machte sie funktional: Spannungen konnten sichtbar werden, ohne die Ordnung dauerhaft zu destabilisieren.

Solche Umkehrfeste benötigten Figuren, an denen sich das Abweichende festmachen ließ. Das Lächerliche, das Unreine, das Unheimliche musste sichtbar werden, ohne konkret benannt zu werden. Der Narr erfüllte diese Funktion ebenso wie der Teufel oder das Tier. Entscheidend war nicht die Figur selbst, sondern ihre symbolische Anschlussfähigkeit an gesellschaftliche Ängste und Unsicherheiten.

Die Katze eignete sich für diese Rolle in besonderer Weise, weil sie sich kulturell nie eindeutig verorten ließ. Sie war kein klassisches Nutztier, kein Statussymbol, kein loyaler Begleiter. Sie lebte mit dem Menschen, entzog sich ihm aber zugleich. Diese Uneindeutigkeit machte sie zur idealen Trägerin von Bedeutungen, die sich rational nicht fassen ließen.

Die Katze als Grenzfigur der Vormoderne

Im vormodernen Alltag war die Katze allgegenwärtig und zugleich schwer greifbar. Sie bewegte sich zwischen Wohnraum und Außenwelt, zwischen Tag und Nacht, zwischen Nähe und Rückzug. Ihre Verhaltensweisen widersprachen den Erwartungen einer Gesellschaft, die Ordnung als moralische Kategorie verstand. Autonomie wurde nicht als Eigenschaft gelesen, sondern als Abweichung.

Diese Lesart erklärt, warum die Katze so eng mit Vorstellungen von Hexerei, Dämonie und verborgener Macht verknüpft wurde. Nicht, weil sie objektiv gefährlich war, sondern weil sie sich der Kontrolle entzog. In einer Welt, in der das Unerklärliche religiös gedeutet wurde, wurde das Unlesbare moralisiert. Die Katze wurde nicht beobachtet, sondern interpretiert.

Karneval bot den Raum, in dem diese Deutungen sichtbar gemacht werden konnten. Die Katze erschien dort nicht als individuelles Tier, sondern als Symbolfigur. Sie stand für das, was Angst machte, weil es sich nicht einordnen ließ: für Eigenständigkeit ohne Hierarchie, für Nähe ohne Verfügbarkeit, für Präsenz ohne Unterwerfung.

Ritualisierte Gewalt und symbolische Projektion

Vor diesem Hintergrund sind auch jene historischen Praktiken zu verstehen, die heute als besonders verstörend wahrgenommen werden. Der Kattenstoet im belgischen Ypern, bei dem Katzen über Jahrhunderte hinweg im Rahmen eines Festes vom Belfried geworfen wurden, war kein isolierter Akt irrationaler Grausamkeit, sondern Teil eines verbreiteten symbolischen Mechanismus. Gewalt wurde hier nicht individuell motiviert, sondern kollektiv gerahmt.

Der Karneval erlaubte Handlungen, die im Alltag tabuisiert waren, gerade weil diese Entgrenzung ritualisiert und zeitlich begrenzt blieb. Die Katze fungierte dabei als Stellvertreterin für das Bedrohliche, das nicht konkret benannt werden konnte. Ihre Misshandlung war Ausdruck kultureller Projektion, nicht persönlicher Beziehung.

Entscheidend ist diese Einordnung nicht, um historische Gewalt zu relativieren, sondern um sie zu verstehen. Die Katze war Objekt kollektiver Bedeutungsaufladung. Ihre Eigenständigkeit wurde nicht respektiert, sondern als Gefahr gelesen. Sie trug Bedeutungen, die ihr nicht gehörten.

Der Bruch: vom Objekt zur selbstgewählten Figur

Mit Aufklärung, Säkularisierung und veränderter Tierethik verlor diese Form der Projektion schrittweise ihre Grundlage. Katzen wurden Haustiere, ohne zu Untertanen zu werden. Ihre Autonomie blieb, ihre Dämonisierung verschwand. Was sich veränderte, war nicht das Tier, sondern der Blick auf es.

In modernen Karnevalskontexten taucht die Katze nicht mehr als Objekt kollektiver Angst auf, sondern als bewusst gewählte Figur. Niemand wird zur Katze gemacht. Man entscheidet sich dafür. Diese Freiwilligkeit markiert einen fundamentalen Bedeutungswandel.

Das heutige Katzenkostüm ist keine Fortsetzung historischer Gewalt, sondern deren Umdeutung. Eigenschaften, die einst als bedrohlich galten, werden nun positiv gelesen. Eleganz ersetzt Dämonisierung. Eigenständigkeit ersetzt Kontrollverlust. Beobachtung ersetzt Chaos.

Die Katze als Figur des kontrollierten Rollenwechsels

Moderne Karnevalsteilnahme ist kein homogener Exzess, sondern ein sozial stark ausdifferenziertes Phänomen. Neben Formen der Enthemmung existiert ein Karneval, der bewusst als begrenzter Rollenwechsel verstanden wird: als temporäre Verschiebung von Perspektiven, nicht als Auflösung von Identität. In diesem Kontext gewinnt die Wahl der Kostümfigur eine neue Bedeutung.

Die Katze eignet sich für diesen Typus des Karnevals, weil sie keine Figur aggressiver Grenzüberschreitung ist. Sie steht nicht für Dominanz oder Lautstärke, sondern für ein Spiel mit Nähe und Distanz. Wer sich als Katze zeigt, signalisiert Teilnahme, ohne sich vollständig preiszugeben. Das Kostüm erlaubt Sichtbarkeit ohne Zwang zur Selbstdarstellung und Präsenz ohne Vereinnahmung.

Diese Form des Rollenwechsels ist kontrolliert, nicht defensiv. Sie beruht auf der Fähigkeit, sich zu beteiligen und sich zugleich zu entziehen. Die Katze verkörpert genau diese Ambivalenz. Sie ist Teil des Raumes, ohne sich ihm zu unterwerfen. In einem Karneval, der zunehmend auch von Menschen getragen wird, die Distanz nicht als Ablehnung, sondern als Selbstdefinition verstehen, wird sie zur Identifikationsfigur sozialer Selbstbestimmung.

Ein verbliebenes Symbol im kulturellen Vergleich

Dass die Katze im Karneval weiter existiert, spricht nicht für kulturelle Stagnation, sondern für ihre außergewöhnliche symbolische Wandlungsfähigkeit. Sie ist eine Figur, die Widersprüche tragen kann, ohne sie aufzulösen. Nähe und Distanz, Teilnahme und Rückzug, Ordnung und Ausnahme existieren in ihr gleichzeitig.

Ein kulturvergleichender Blick verdeutlicht diese Besonderheit. In romanischen Karnevalstraditionen dominieren häufig expressive Tierfiguren wie Stier, Hahn oder Esel, die körperliche Kraft, Sexualität oder soziale Umkehr verkörpern. Das Tier fungiert dort als Träger von Vitalität und Überschreitung. Die Katze hingegen bleibt zurückhaltender. Ihre Symbolik ist weniger körperlich als relational. Sie steht nicht für das Ausagieren von Triebhaftigkeit, sondern für das Aushandeln von Positionen.

Im deutschsprachigen Raum, in dem Karneval historisch stärker von Ordnungsvorstellungen, bürgerlichen Grenzziehungen und ritualisierter Selbstkontrolle geprägt war, konnte sich diese Figur besonders stabil halten. Die Katze fungiert hier weniger als Störfaktor denn als Spiegel: Sie zeigt, dass Teilhabe nicht zwingend Anpassung bedeutet und dass Distanz eine Form von Zugehörigkeit sein kann.

Rückbezug: von der Projektion zur Erinnerung

Die Katze, die im Karneval erscheint, ist keine ahistorische Figur. Sie trägt Spuren. Ihre kulturelle Präsenz speist sich aus Jahrhunderten der Zuschreibung und Instrumentalisierung. In vormodernen Gesellschaften war sie Projektionsfläche für das, was sich der Ordnung entzog. Diese Bedeutungen entstanden nicht aus Beobachtung, sondern aus Angst vor Autonomie.

Dass die Katze diese Rolle überlebt hat, macht sie zu einer der „berühmten“ Figuren der Kulturgeschichte. Nicht, weil ein einzelnes Tier hervorgetreten wäre, sondern weil die Figur selbst immer wiederkehrt. Ihre Berühmtheit liegt in der Wiederholung, in der Dauer, in der Fähigkeit, Bedeutungen zu tragen und zu transformieren.

Der moderne Karneval wiederholt diese Geschichte nicht, sondern antwortet auf sie. Indem Menschen sich heute freiwillig als Katze zeigen, wird die alte Projektion umgekehrt. Die Katze ist nicht länger Trägerin fremder Angst, sondern Ausdruck einer selbstgewählten Haltung. Aus der belasteten Projektionsfigur ist eine erinnernde Figur geworden.

Fazit

Die Katze ist im Karneval geblieben, aber ihre Rolle hat sich vollständig verändert. Historisch war sie Objekt kollektiver Projektion, Trägerin von Angst und Kontrollverlust. Heute ist sie Identifikationsfigur für Autonomie, Beobachtung und Selbstbestimmung. Dieser Wandel ist kein Bruch mit der Geschichte, sondern ihr Ergebnis. Die Katze bleibt sichtbar – nicht als Dämonisierung, sondern als bewusst gewählte Figur kultureller Eigenständigkeit.

Sources (Selection)

  • Burke, Peter: Popular Culture in Early Modern Europe. Routledge.

  • Bakhtin, Michail: Rabelais and His World. Indiana University Press.

  • Thomas, Keith: Man and the Natural World. Penguin.

  • Schmitt, Jean-Claude: Ghosts in the Middle Ages. University of Chicago Press.

  • Kieckhefer, Richard: European Witch Trials. University of California Press.

  • Hutton, Ronald: The Rise and Fall of Merry England. Oxford University Press.

Disclaimer

Dieser Artikel ordnet kulturelle und historische Bedeutungen der Katze im Karneval ein. Er ersetzt keine detaillierte kulturhistorische Spezialforschung zu einzelnen regionalen Bräuchen. Historische Darstellungen von Gewalt werden analytisch kontextualisiert und nicht normativ bewertet.

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